Sonntag, 19. November 2017

Von hehren Absichten

"Guten Tag, wie darf ich Ihnen weiter helfen?" Mit unseren Kindern stehe ich an der Anmeldung des Tierheims. Wir blicken in ein freundlich, offenes Gesicht. Ich erkläre der Dame, dass ich am Vorabend per Mail mein Interesse für den gerade online gegangenen Welpen bekundet hätte und nun gerne wüsste, wie man weiter verfährt. "Oh...", sagt die junge Frau. "Da sind Sie leider nicht die Einzige. Seitdem gibt es hier minütlich Anfragen für diesen Hund. Einen Welpen wollen alle haben."


In der Vergangenheit hatte ich immer wieder die Online-Portale von Tierheimen abgeklappert. Jedoch schreckten mich Angaben wie "Kann nicht mit Katzen, Kindern, anderen Hunden, jagt Joggern hinterher...", sehr ab. Nun hatte ich endlich diesen Welpen entdeckt, den leider die andere Hälfte der Menschheit ebenfalls zu haben wünschte. 

 

Kindchenschema funktioniert auch bei Tieren hervorragend. 
So sah ich Marley, ein Münsterländer-Retriver-Mix mit einem Neufundländer-Papa, erstmals in Natura, als er von einer Tierheim-Mitarbeiterin zu seiner Box geführt wurde.

In der Zwischenzeit waren wir von einer weiteren Mitarbeiterin in eine Art Cafè geführt worden, wo man uns Getränke reichte. Bereitwillig erwarb ich einen Jahreskalender des Tierheims, dessen Erlös den Tieren zu Gute kam. Ein Formular füllte ich wahrheitsgemäß aus und ließ uns als Interessentenfamilie für den Welpen eintragen.

Marley würde ein Großer werden, das war klar. Alle Hundearten, die er in sich vereinte galten als gute Familienhunde und wasserverrückt - was aber letztlich nichts heißen musste. Wir lebten inmitten schöner Natur: der Wald befand sich in unmittelbarer Nähe, der Fluss war quasi vor der Haustür, das Meer nicht weit. Ein großes Haus mit Garten war ebenfalls vorhanden. Insgeheim waren wir hoffnungsfroh, rechneten wir doch gar nicht mit all dem, was noch kommen sollte.

Durch Marley war nun alles plötzlich anders, und fortan verbrachte ich jede freie Minute im Tierheim, schleifte meine Familie dorthin. Wir verbrachten sehr viel Zeit mit dem Welpen und schlossen ihn in unser Herz. Mit der Zeit erfuhren wir auch Näheres zu dem kleinen Kerl.

Eine gut situierte Familie mit zwei Kleinkindern geriet in finanzielle Schieflage. Man versprach sich schnelles Geld durch Tiervermehrung. Als irgendwann die Welpen zu einer quirligen, munteren Truppe herangewachsen waren, war das Chaos perfekt: der Familie wuchs alles über den Kopf. Der Mann verließ in dieser Zeit die Familie - die Tiere konnten es ihm nicht nachmachen und waren ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert. Die ersten Welpen wurden an irgendwen verschleudert, um sie alsbald loszuwerden. Zurück blieb Marley mit seiner Mama, die beide nach einem anonymen Hinweis von der Tierrettung aus ihrem Elend befreit werden konnten. Bis dahin waren sie ohne jeglichen Auslauf in einem Raum eingesperrt, völlig verdreckt, unterernährt und ohne weitere Ansprache sowieso. Noch nicht einmal Decken soll es gegeben haben, auf die sie sich hätten legen können. Als wir diese Geschichte hörten, waren wir erst recht Willens, den kleinen Welpen in unserer Familie aufzunehmen. Auch an Marleys Mama waren wir interessiert, aber davon riet man uns ab: "Sie kann gar nicht mit Kindern!", hieß es kurz und knapp.

In all der Zeit, während das Hundethema uns mehr und mehr beschäftigte, hatten wir desaströse Geschichten von Menschen aus unserem Umfeld mitverfolgt, die sich ambitioniert und liebend gern einen Hund angeschafft hatten und irgendwann kläglich gescheitert waren. Nicht selten ließ die Begeisterung schnell nach. Irgendwann verschwand der Hund so schnell wie er aufgetaucht war, und dann war oft die Rede von Allergien, oder einem sehr schwer erziehbaren Hund. Wiederum andere, die eher auf merkwürdigem Wege zu einem Hund gekommen waren, meisterten ihre Sache bravourös. Wie würden wir uns schlagen? Zu welchem Lager würden wir irgendwann zählen?...

Immer wieder machte ich mir bewußt, was die Anschaffung eines Welpen bedeuten würde. Dass ein Welpe von vier Monaten nicht immer süß und brav sein würde, das war mir klar. Ich ahnte, worauf wir uns da einlassen würden. Das kam einem 24-Stunden-Job gleich. Man nahm ein Baby mit nach Hause, welches aber schon mobil und temperamentvoll unterwegs sein würde und erst mal stubenrein werden musste. Das wiederum bedeutete auch nachts alle zwei Stunden aufzustehen, mit dem Welpen raus zu gehen, versehentliche Haufen und Pfützen im Haus wegzumachen. Es würde viel Zeit, Aufmerksamkeit, Geduld und Konsequenz brauchen, bis sich alles  in geregelten Bahnen bewegen würde. Und dann kam ja recht bald schon die Flegelphase auf einen zu...

 

Die täglichen Fahrten ins Tierheim waren schon bald Routine. Immer gab es eine halbe Stunde, die wir uns aktiv mit ihm beschäftigen konnten. Manchmal, wenn ich alleine dort war, überbrückte ich die Wartezeit bis Marley eine längere Verschnaufpause hatte mit Kaffetrinken und Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen des Tierheims. Der Weg war zu weit, um  erst nach Hause zu fahren, und am gleichen Tag wieder zum Tierheim aufzubrechen. Danach durften wir nochmals gemeinsam ins Gehege. Ich schaute mir auch alle anderen Hunde genauer an. Das war nicht immer einfach, hätte ich doch so manch einem von ihnen gleich ein besseres Leben bieten wollen. Marley konnte sehr brav "Sitz!" machen, wenn ihm als Belohnung dafür ein Leckerli winkte. Sehr viel mehr war noch nicht drin, aber das machte er verdammt gut. Er war so bemüht, was mich irrsinnig anrührte. Mit der Zeit lernte er immer mehr. Wir beschäftigten uns innerhalb eines eingezäunten Areals mit ihm. Irgendwann kam er auf Zuruf, oder ging brav auch ohne Leine neben einem her. Es war der Himmel auf Erden, mit diesem kleinen, aufgeweckten Hund Zeit zu verbringen. Am Ende klappte alles so gut, dass wir sogar mit ihm in den nahegelegenen Wald gehen durften.


Von Woche zu Woche wuchsen wir mit Marley zusammen. Allerdings blieb uns nicht verborgen, dass es auch immer mehr Interessenten für den Welpen gab. Der entsprechende Ordner wurde immer dicker, was sehr schwer auszuhalten war. Missmutig taxierten sich die Interessenten gegenseitig. Wer würde das Rennen um Marley am Ende machen? Dennoch blieben wir zuversichtlich. Schon bald wollte man zwischen allen Bewerbern eine Auswahl treffen. Am Ende hatten wir es unter die ersten Drei geschafft. Der Hausbesuch erfolgte bald und auch eine Besichtigung des näheren Umfelds fand statt - alles wurde für gut befunden. Wir freuten uns riesig.

Ich machte es der Dame am Telefon leicht, die sich schwer tat, um die richtigen Worten zu finden. "Versuchen Sie die Sache nicht persönlich zu nehmen. Manchmal kann man solch eine Entscheidung nicht weiter begründen, und es ist nur ein Bauchgefühl, was dann letztlich entscheidet..." Marley hatte ein neues Zuhause gefunden - nur leider nicht bei uns. Während ich weinte, überlegte ich, wie ich das den Kindern beibringen sollte. Die Enttäuschung war groß. Wir hatten alles gegeben und waren dennoch gescheitert.

Sehr viel später erfuhr ich, dass eine Familie mit jüngeren Kindern Marley zugesprochen bekam. Bevor Marley online inseriert wurde, war er zu dem Zeitpunkt schon seit vier Wochen im Tierheim. Seitdem war auch diese Familie an ihm dran. Davon allerdings erfuhren wir anderen nichts.

Montag, 13. November 2017

Sag niemals nie, oder ein bisschen schwanger gibt es nicht

Schuld war er. Ganz klar er. Er wusste, was mir widerfahren war als kleines Kind. Nie im Leben wäre ich von selbst auf die Idee gekommen, mich mit Hunden zu befassen - noch nicht einmal theoretisch.

Er hatte damit angefangen, mir immer mal wieder Fotos von den sehr unterschiedlichen Hunden all jener Menschen zu schicken, mit denen er beruflich zu tun hatte. Dann bekam ich WhatsApp-Nachrichten mal mit niedlichen kleinen Hunden, oder aber auch größeren Versionen und der Anmerkung: "Die hättest Du mal erleben müssen: sehr drollig!" Oder "Ein ganz toller Hund. Der hätte dir gefallen...!"  

Hmhmhmmh...

Seit vielen Jahren sind wir ein Paar und immer wieder mal gab es unterschwellig das Thema Hunde, welches ich mal gekonnt ignorierte, kategorisch ablehnte, oder mit einer unwirschen Bemerkung vom Tisch fegte. Himmel, wofür brauchte der Mensch einen Hund? Wofür brauchten wir einen Hund?! Unsere Kinder, die wir sehr liebten, nahmen viel Zeit und Raum ein, trotzdem sie nun aus dem Gröbsten raus waren. Aber nun galt es andere Herausforderungen mit ihnen zu meistern. Nun gab es auch wieder einen Kater, den wir so überraschend wie einst seinen Bruder aufgenommen hatten. Aber ein Hund...? Das war doch arbeitsintensiv. So ein Vieh machte Dreck, roch unter Umständen übel, und ich weiß, wie hyperempfindlich mein Geruchssinn ist. Also nein, wirklich nicht! Jahrzehnte war ich Damokles Schwert gekonnt ausgewichen, hatte ich mir einen möglichen Hund konsequent von der Backe gehalten... und jetzt brauchte ich auch keinen mehr.

Mein Mann drängte mich nicht. Er drängte mich nie. "Schau mal", sprach er irgendwann. "Du wolltest doch auch nie Katzen. Und wie sehr hast Du erst Mautz und jetzt Möhrchen in Dein Herz gelassen." Das stimmte. Aber Katzen waren sehr viel eigenständiger, machten keinen Lärm wie ein Hund, mussten nicht regelmäßig bei Wind und Wetter vor die Türe - zumindest nicht in meiner Begleitung. Verglichen mit Hunden waren sie wahre Luxus-Geschöpfe. Nein, wirklich nicht - ich wollte keinen Hund und blieb dabei.

Die WhatsApp-Nachrichten trudelten weiterhin ungehindert ein. Ab und an fand ich wirklich süß und niedlich, was da für Knopfnasen und Augen zu sehen waren. Dann erkundigte  ich mich auch schon mal nach der jeweiligen Rasse und fing alsbald an zu googeln. 

Mit der Zeit googelte ich regelmäßig. Manchmal surfte ich stundenlang. 

Obwohl ich, so rein theoretisch ;-), bei kleinen Hunden anfing, landete ich am Ende wie auf wundersame Weise immer bei den eher großen Rassen. Ab und an war ich es dann, die dem Manne eine WhatsApp-Nachricht mit einer Hunderasse zukommen ließ, die in meinen Augen bemerkenswert war. Eine Rasse war mir schon aus unserer kinderlosen Zeit bekannt - ein Japaner: Der Akita Inu. In seiner Rassebeschreibung heißt es: 

Der Akita Inu ist ein intelligenter, ruhiger, robuster, starker Hund mit ausgeprägtem Jagd-und Schutztrieb. Wegen seines Jagdtriebs und Eigensinns kein leichtführiger Hund. Sehr revier- und rangordnungsbewusst, duldet er fremde Hunde nur ungern neben sich und zeigt deutlich seine Dominanz. Zuverlässig in seiner Familie und mit Kindern, mit denen er sich in der Regel gut versteht. Pflegeleichter Hund, der engen Familienanschluss und bei konsequenter Erziehung viel Verständnis für sein Wesen braucht. Auf Grund seines starken Wesens ist dieser Hund ziemlich stressfrei und bewahrt den kühlen Kopf seines Rudels. Dies macht ihn unerschütterlich. Von Natur aus misstrauisch, ist er seinem Herrn und seiner Familie treu ergeben und absolut loyal, gegenüber Fremden allerdings sehr zurückhaltend.  

Einige Jahre später sah ich den Film "Hachiko" mit Richard Gere, in dem genau diese Hunderasse die Hauptrolle spielte. Diesen  berührenden Film sah ich wie Millionen anderer, aber weder war ich wahnsinnig, noch so romatisch veranlagt, dass ich mir aufgrund eines Filmes einen bestimmten Hund anschaffen würde. Er geriet in Vergessenheit. Nun, bei meiner abendlichen Surf-Runde, entdeckte ich ihn wieder. Ich verschlang alles, was ich zu seiner Rassebeschreibung finden konnte. 

Auch wenn ich es mir kaum eingestehen wollte - es war um mich geschehen. Es war weniger sein außergewöhnliches, imposantes Aussehen, was mich begeisterte. Vielmehr raubte mir seine Wesensbeschreibung den Atem. Ein Hund sollte er sein, der nicht dieses "will to please" hatte, sondern sehr eigenständig war, um dessen Gunst man sich selbst als Halter bemühen musste. Ein Hund mit eigenem Kopf hieß es, der seinen eigenen Willen hatte und nur Befehle befolgte, die für ihn Sinn machten. Blinder Gehorsam? Fehlanzeige. Plötzlich musste ich lachen und verschickte eine entsprechende Nachricht: "Wenn es einen Hund gibt, der in unsere heilige Familie passt, dann dieser!" Dieser Hund war mir durch und durch sympathisch. Das Beschriebene kannte ich, denn in meiner Familie tat auch noch lange nicht jeder das, was er sollte. Auch hier hatte jeder von uns seinen eigenen Kopf. Dinge wurden in Frage gestellt und hinterfragt, und wenn es sinnvoller erschien, durchaus auch nicht gemacht. Voilà! Da war er - unser Hund. 

An den Wochenenden unterhielten wir uns ab und an über den Herrn Akita. Ok, zur Dominanz sollte er neigen und ganz und gar kein Anfängerhund sein. Das wiederum konnte man nicht einfach so außer Acht lassen: ich hatte absolut keine Erfahrung im Umgang mit Hunden. Weder mit kleinen, noch mit großen. Somit war das Thema für lange Zeit vom Tisch... bis es wieder aufkeimte. 

Ich war vernünftig und las eine Menge über Havaneser und Co. Damit, so schien es, konnte auch ein blutiger Anfänger wie ich unter Umständen fertig werden. Der Coton de Tuléar rückte neben unzähligen anderen kleineren Hunderassen ebenfalls in den Fokus. Insgeheim aber hatte ich mein Herz längst an diesen eigensinnigen Japaner vergeben. Aber spätestens an dem Punkt "Diese Hunderasse neigt zur Dominanz, er ist nichts für Anfänger..." ankommend, vergrub ich jegliche meiner heimlich aufkeimenden Hundeambitionen. Weder wollte ich einen Hund ins Verderben stürzen, noch meine Familie, oder gar mich. Bisher war ich auch glücklich ohne Hund gewesen. Wozu das alles also?!

Unglaublich, aber wahr: mein Mann hatte es tatsächlich nach Jahrzehnten geschafft, mich anfangs kaum merklich, aber zunehmend schleichend mit dem Hunde-Virus zu infizieren. Das Thema Hund kam immer und immer wieder in Endlosschleife auf den Tisch. Darüber waren bereits Jahre ins Land gegangen. Sogar mein Mann schien plötzlich überrascht, denn nun ließ ich nicht locker. Wozu hatte ich mir all die Jahre anhören dürfen, wie toll Hunde waren, wenn nun keiner kommen sollte??

"Die Tierheime sind voller Tiere, die so dankbar sind, wenn man sie da rausholt. Wir sollten uns erst einmal dort nach einem Hund umschauen!", sprach er. Ich dachte an Mautz, der auch um Haaresbreite im Tierheim gelandet wäre. Es gab viel Tierelend. Das leuchtete mir ein.

Ich fackelte nicht lange, und graste online die Tierheime der Umgebung ab. Langsam ging mir das Ganze gehörig auf die Nerven. So, oder so: Ich wollte das Thema ein für alle Mal geklärt und endgültig vom Tisch haben...

Dienstag, 7. November 2017

Ganz anders

Der eine war ganz sanft, voller Vertrauen. Der andere ist eine wahre Kratzbürste, widerspenstig, voller Misstrauen, ein Haudegen - er kratzt, beißt und faucht unvermittelt. Der eine war heller, der andere ist dunkler. Bei dem einen waren die ersten 1,5 Jahre seines Lebens ganz schlimm - bei dem anderen sein ganzes bisheriges Leben. Der eine war ganz folgsam, treu auf seine ureigene Weise. Den anderen kümmert es gar nicht, wenn man ihn ruft. Mit dem einen konnte man sich unterhalten wie mit einem menschlichen Wesen. Den anderen müssen wir erst kennen lernen, bis es auch da irgendwann so weit sein wird. Der eine war perfekt gebaut, eine unglaubliche Augenweide. Der andere war bis vor kurzem total runtergekommen, ein zersaustes, ausgemergeltes Elend auf vier Beinen. Der eine war von uns gewollt, als ihn seine Erstbesitzer nach 1,5 Jahren plötzlich in ein Tierheim geben wollten. Ihn zu nehmen hat uns unglaublich schöne 2,5 Jahre beschert. Den anderen behielten sie, trotzdem er sich die meiste Zeit über selbst überlassen war -  sie kümmerten sich einfach nicht und machten irgendwann auch keinen Hehl daraus, dass sie ihn lieber heute als morgen los wären.

Der eine ist der Bruder vom anderen.

Den einen mussten wir vor kurzem begraben. Er fehlt so sehr.



Den anderen haben wir nun zu uns genommen. Seit heute gehört er zu uns. Sein neuer Name ist "Möhrchen" von "der Mohr", abgeleitet aus dem lat. "Maurus" gleich schwarz, dunkel.

Dieser unverkennbar durchdringende Blick ist beiden gemein.

All das schrieb ich vor etwas mehr als einem Jahr. Seither leben wir mit Möhrchen unter einem Dach. Die Anfänge waren nicht ganz so leicht. Wir waren uns anfangs noch nicht mal alle einig, ob wir ihn denn tatsächlich nehmen, denn innerhalb der Familie stand es 2:2. Mautz war gerade erst gestorben, zu weh taten all die Erinnerungen an ihn. Was uns letztlich überzeugte, das war der desolate Zustand des Katers. Schlussendlich wollten wir ihm ein elendes dahinvegetieren ersparen.

Nie hätte ich gedacht, dass wir erneut auf so kuriose Weise zu einem Kater kommen würden. Nie werde ich begreifen, wie man so mit Tieren umgehen kann. 

Vielleicht musste alles genau so kommen, wie es gekommen ist. Ich erinnere mich, wie tröstlich es war,  anstelle von Mautz Möhrchen streicheln zu können. Sie waren Brüder, und fast war es so, als sei für uns das Unmögliche möglich geworden.

 
Lange Zeit sahen meine Ärmel ganz genau so aus. Möhrchen fauchte aus Leibeskräften, kratzte und biss einen tief ins Fleisch hinein. Er kam, fraß und war meist sofort wieder weg. Bald kam die Zeit, an dem er für zwei Stunden am Tage blieb und tief und fest schlief. Alles spielte sich erst auf der unteren Etage ab. Irgendwann blieb er überraschenderweise über Nacht. Nach oben traute er sich lange nicht. Dann war es so weit, und ich vernahm ein zaghaftes Kratzen an der Schlafzimmertür. Ab da ging es bergauf. Er erholte sich, nahm zu, bekam tolles Fell und fasste immer mehr Vertrauen zu uns. 


Wir alle sind sehr dankbar, dass wir für Möhrchen sorgen dürfen. Zu sehen, wie er sich körperlich gut entwickelt hat, das tat und tut so gut. Inzwischen weiß er, dass er hier sein verlässliches Zuhause hat, obwohl er sein Streunerdasein nie wirklich abgelegt hat. 

 
Ist das immer noch dasselbe Tier, dem man sich anfangs nur mit Schutzkleidung nähern konnte?! Inzwischen kann Möhrchen Zärtlichkeiten genießen und auch einfordern. Er ist ein Seelenschmeichler und tut uns allen so gut. Möge er noch viele gesunde und muntere Jahre vor sich haben. Amen!